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Salzburg. Österreich. International.
Presseartikel
Stadionwelt Magazin Nr. 14 Oktober 2005
Kommentar: Märtyrer?
Immer dann, wenn in der Foren eines beliebigen Vereins über eine Veränderungen im kommerziellen Sinne geredet wird, beschweren sich die Traditionalisten und werden nur kurz später als "ideologisch verbohrt", oder "fortschrittsfeindlich" eingestuft. "Geh’ doch Oberliga gucken" ist ein Satz der stereotypen Konversation.
Der Fall Salzburg zeigt aber: Die Wahrung von Werten wiegt mehr als die Perspektive auf besseren sportlichen Erfolg. Selbst wenn letzterer sich einstellt, wird er mangels Identifikation kaum zu genießen sein. Vereinsidentität bleibt somit ein schützenswertes Gut.
Diese Meinung teilt Red Bull nicht. Binnen kürzester Zeit haben sie Austria Salzburg umoperiert – neue Farben, neuer Name, neues Gründungsjahr. Hätten die Marketing-Abteilung des Konzerns eine Ahnung davon gehabt, wie Fans ticken, oder hätten sie nicht erwartet, dass sie so "funktionieren" wie bei den sonst von Red Bull gesponserten Eventsportarten, hätten sie statt der Radikalkur, die Strategie gewählt, die sich anderswo bewehrt hat:
Anfang der 90er kamen Trikotentwürfe abseits der Vereinfarben, dann der Stehplatzabbau, zur Jahrtausendwende die KG-Umwandlung und nun die Vermarktung des Stadionnamens – alles scheibchenweise und damit für die Masse verdaubar. Viele ältere mag das Prozedere an ihren Verein erinnern, aber eine Fanszene tauscht sich aus. Wer heute 22 ist, für den sind Montagsspiele etwas völlig Normales.
Salzburgs Fans hatten keine Zeit zur Anpassung.
Das mag man bedauern... oder sie dazu beglückwünschen. Denn unter allen Fanszenen, die auf die "Gegen-den-modernen-Fußball"-Kultur inschwenken, wurde es ihnen am leichtesten gemacht, den Worten Taten folgen zu lassen, den modernen Fußball konsequent zu widersagen. Werden Tough Guys, Union Ultra etc. für ihren schmerzhaftes "Entzug" vom lieb gewonnen Verein also zu den Märtyrern einer Bewegung?
Zumindest verdienen sie Anerkennung für die enormen Versuche, ihren Verein zu bewahren. Zudem: von allen durch kommerzielle Auswüchse bedrohten Fanszenen hat es bisher keine andere verstanden, eine derartige Lawine internationaler Solidarität loszutreten.
Man sollte die Daumen drücken, dass diese Szene mangels akuter Vereinslosigkeit nicht zerfällt. Andererseits: bleiben die Kräfte weiter so gebündelt, wird der Wunsch nach violetten Fußball in Salzburg nicht einschlafen. Dann wird es möglicherweise schon bald ein "Austria der Herzen" geben. Wer beim Spruchband "Die Austria wird Euch alle überleben" zwischen den Zeilen lesen kann, der ahnt: Wimbledon AFC muss kein Einzelfall bleiben. Es wäre ein logischer nächster Schritt, eine grandiose Wiederauferstehung, ein sympathischer Sieg der "ideologisch Verbohrten".
Krone, 29. Juli 2005
Nachgehakt
von Wolfgang M. Gran
Eigentlich sollte es das überfällige Durchgreifen gegen eine Handvoll Hooligans werden. Aber was Red Bull Salzburg mit den Stadionverboten gegen 57 Leute getan hat, missriet in einigen Fällen zur peinlichen Posse. Bei den Ausgesperrten sind unter anderem auch eine Frau, die seit 1994 nicht mehr in einem Stadion war, sowie die Mutter eines Fans, die Ihrem Sohn ein Abo geschenkt hatte.
Gerade in einer derart aufgeheizten Grundstimmung dürften den Vertretern der Klubführung solche Fehler nicht passieren. Denn sie sind Öl in das Feuer jener, die ohnehin nur nach Argumenten suchen, um ihre Entgleisungen zu beschönigen.
Dem überwiegenden Teil der echten Fans geht es aber um ganz was anderes: Dass eine Geschichte ausradiert und eine Seelenheimat zum Fun-Park umgestaltet wird, kann zur Verbitterung führen. Ein echtes Signal von Red Bull, eine neue Heimat zu anzubieten, ist bisher nicht gekommen.
Man hat violett-weiss als Vereinsfarben in den Statuten festgeschrieben – aber das ist nur ein gänzlich überflüssiges Placebo, wenn man nicht daran denkt, in diesen Farben auch aufzutreten. Man hat sich beim Gründungsdatum bedient, um die Lizenz für die Bundesliga zu bekommen, pfeift aber ansonsten auf die Geschichte der Austria.
Man hat bei Red Bull eines nicht bedacht: Dass Fußball eine Seele hat, die niemals durch bloße Inszenierung ersetzt werden kann. Die Bindung zum Fußball entsteht in den Herzen der Menschen und nicht in den Marketing-Abteilungen. Genau das macht es vielen so schwer, den neuen Weg mit zu gehen.
Die Presse, 19.Juli 2005, Seite 7
Literatur im Sport
von Egyd Gstättner
"Magna stat Magna Carta"
Ein Fußballverein steht für Menschen. Nie für das Produkt eines Konzern.
Allzu oft passiert es ja nicht dass ich mich mit Fans solidarisiere, weil sie ja ein Kürzel für Fanatiker sind, und Fanatismus richtet mehr Schaden als Nutzen an. Wenn sich Anhänger aber nicht kritiklos anhängen lassen, wenn sie sich nicht einfach irgendwo abhängen und anderswo wieder anhängen lassen, wenn sie auf die Herkunft und Tradition beharren, die sich in elementaren Dingen wie Namen oder Farben widerspiegelt, wenn sie also - wie jetzt in Salzburg - der Geschichtslosigkeit der Schwuppdiwuppmilliardäre widersetzen und dem Großkapital zum Trotz wie ihre Väter Austria heißen und violett tragen wollen, dann haben diese Fans meine Sympathie.
Weil Fußball der Baukasten der Wirklichkeit ist und das öffentliche, das Gesellschaftliche Leben schematisch darstellt, komplizierte Vorgänge und Zusammenhänge sehr vereinfacht und plastisch auf die Stadion-Bühne bringt, sollten neben den 22 uniformierten Litfass-Typen, den Trainern und Schiedsrichtern unbedingt auch noch ein paar Herren in Zivil mit fetten Brieftaschen auf den Rasen kommen und - mitten im Spiel - dem einen oder anderen Akteur mit Geldnotenbündeln Luft zufächern, sodass alle auf den Tribünen sehen können, wie sich der Spieler vor den Augen der Fans und Herzblütler sein Leiberl vom Leib reißt, das Trikot des Gegners anzieht und ohne die geringsten Skrupel augenblicklich in die andere Richtung stürmt.
Etliche Sportjournalisten haben die Salzburger Fans darauf hingewiesen, wo ihre Lieblinge, ihre Super-Salzburger ohne die Millionen ihres neuen Besitzers jetzt wären: In der 2.Liga! Ich aber sage: Na und? In der 2.Liga gibt es alles, was es in der 1.Liga gibt: Tribünen, Spieler, Spiele, Siege, Niederlagen, Hoffnungen und Ängste. Man kann eine Mannschaft auch in der 2.Liga unterstützen, sofern sie unter ihrem richtigen Namen spielt und die Spieler Dressen in den richtigen Farben tragen. Ein Fußballverein steht für einen Ort, für die Menschen, die dort leben, gelebt haben, leben werden - nie für Einzelne und nie für das Produkt irgendeines Konzerns.
Heute gilt die Regel: Wer das Gold hat, macht die Regel. Aufgestellt hat sie einer, der das Gold hat. Jetzt halten sich alle daran. Denen, die das Gold nicht haben, bleibt auch nichts anderes übrig. Zivilisatorisch betrachtet bedeutet der Satz einen Rückfall in die dunkle Zeit vor Magna Carta. Magna setzt sich über die Magna Carta hinweg! Auch wenn der Satz, dass der Goldbesitzer die Regel macht, mittlerweile in allen Lebensbereichen Realität ist, muss man am Stehplatz zum Megafon greifen und deutlich auf den Rasen hinunterbrüllen, dass dieser Satz unmoralsich & ekelhaft ist. Und eines Tages in den Geschichtsbüchern als abschreckendes Beispiel für unsere Gegenwart verwendet wird.


